20. Sierra City – South Lake Tahoe

In der Nacht, die ich hinter der Kirche zelte, gibt meine Isomatte den Geist auf. Schon wieder. Sie muss ein winziges Loch haben, wird einfach immer platter. Zum Glück so langsam, dass es ausreicht sie 2x in der Nacht neu auf zu blasen. Da ich noch Garantie darauf habe, bestelle ichtelefonisch direkt am nächsten Morgen einen Ersatz, der mir nach Tahoe geschickt wird. Der Himmel ist mit dicken, schweren bleigrauen Wolken bedeckt. Ich will gerade loslaufen, da fängt es an zu regnen, stürmen und gewittern. Ein richtiges Unwetter legt los. Die ganze Stadt hat klugerweise ja montags Ruhetag, also krümeln sich die Hiker unter dem Vordach der öffentlichen Toiletten zusammen. Hier gibt es WLAN. Und ist eisig kalt.

Hikertrash

Nach 3h beschließen Mudslide und Tschirp, die ich seit einigen Tagen immer wieder sehe, sich ein Zimmer zu nehmen, und bieten mir an es zu teilen. Gerne! Wir kehren bei Susan ein, die ihr ganzes Haus vermietet. Für läppische 40 Dollar darf ich auf dem Fußboden schlafen, aber dafür bekommen wir auch Essen und können es uns im Wohnzimmer gemütlich machen. Tee, Bücher, eine Kuscheldecke und ein Dach über dem Kopf während draußen die Welt unter geht, was will man mehr!

1. Tag

Endlich geht es weiter! Der Himmel ist wieder strahlend blau, dafür ist es furchtbar kalt. Ich bedauere zutiefst, dass ich meine warme Kleidung weiter geschickt habe… Der Weg führt wie so oft durch viel Wald, doch auch immer wieder gibt es schöne Ausblicke. Und als die Sonne durchkommt, wird es auch wieder wärmer.

Ich treffe alte Bekannte wieder, Sherpa und Sierra Warrior aus Frankreich, wir freuen uns sehr! Leider laufen sie Richtung Norden. Erst im Dunkeln schlage ich mein Zelt auf. Nachts ist es wieder frostig.

2. Tag

Ich laufe zügig, denn heute soll es wieder regnen. Die dunklen Wolkenn rasen über den Himmel, pünktlich um 7 Uhr früh fängt es an zu tropfen.

Herbststimmung

Es regnet immer heftiger, und gerade als es so richtig ungemütlich wird, erreiche ich eine Hütte, die vor allem den Wintersportlern dient. Ich mache mir ein gemütliches Feuer und starre auf die Sintflut draußen, die zeitweise in Schnee übergeht. Widerlich! Ich harre mehrere Stunden aus, andere Hiker sind mutiger, oder zumindest ungeduldiger, und verschwinden nach einer kurzen Aufwärmpause wieder raus ins Unwetter.

Hier kann man den Regen gut aushalten

Ich gehe erst mittags weiter, als der Regen endlich nachlässt. Nach einer Stunde kommt sogar die Sonne wieder raus und wechselt sich mit kleinen Schauern ab. Aber es ist nun wärmer. Ich laufe noch 7 weitere Meilen und mache Pause in der Ski Lodge am Donner Pass. Der Wetterbericht sagt für die Nacht weitere Schauer und Schneeregen voraus bei gemütlichen 0 Grad. Ich beschließe, die Nacht im Hostel am Pass zu bleiben. Mit Sommerkleidung und kaputter Isomatte will ich mir das nicht antun. Auch treffe ich wieder auf die anderen Hiker. Sie sind auch nicht weiter gekommen und bleiben die Nacht hier, nur sind die im Gegensatz zu mir klatschnass geworden und völlig durchgefroren. Muahaha…

3. Tag

Um sieben Uhr stehe ich wieder auf dem Trail. Es geht stetig bergauf, und ich bin schnell sehr froh, dass ich gestern nicht weiter gelaufen bin. Denn schon bald bin ich mitten in den Wolken, es ist kalt und nass und auf den Boden liegt sogar eine geringe Schicht Neuschnee!

Ich steige zum Berg Tinker Knob auf 8800 feet auf und alles ist weiß. An den Büschen und Bäumen glitzern wundersame Eiskristalle!

Hier ist heute schon jemand vor mir gewesen: ein Mini Bär!

Doch ich friere im eisigen Wind und der Nässe entsetzlich und haste weiter, bis es endlich ins Tal geht. Der Rest des Tages ist eine absurde Mischung von Regen, Schnee, Hagel und immer wieder Sonne. Es ist zu kalt für Pausen, daher komme ich flink voran. Doch die wunderschönen Berge entschädigen (fast) für die Mühen, ich genieße die fantastischen Ausblicke! Sogar Lake Tahoe kann man schon von oben bewundern.

Lake Tahoe von oben

Der ist ja wirklich riesig! Ich hoffe, Morgen wird es etwas angenehmeres Wetter…

4. Tag

Der Himmel ist wolkenlos!! Morgens ist es verdammt kalt, ich laufe in allen verfügbaren Kleidungstücken los. Im Laufe des Vormittags schichten sie sich dann nach und nach auf meinen Rucksack, der bald einem Flohmarkt-Stand gleicht. Heute durchlaufe ich die Desolation Wilderness. Einfach unglaublich schön!! Überall glitzern Gebirgsseen in der Sonne, von leuchtendem blau bis flaschengrün, eingerahmt von steilen felsigen Bergen. Ich kann mich gar nicht satt sehen!

Ich steige bis zu 9400 feet auf, was für eine Aussicht!

Am Nachmittag geht es am Aloha Lake entlang, der Weg ist steinig und beschwerlich, aber ich schwelge völlig in der grandiosen Umgebung. Ein toller Tag!

5. Tag

Nachts schlafe ich wenig, muss inzwischen 4x aufstehen und meine Isomatte neu aufblasen. Auch heute früh ist es furchtbar kalt, ich kann es gar nicht erwarten zum Post Office nach Tahoe zu kommen, wo eine neue Isomatte und Winterkleidung auf mich warten! Nach nur 2h laufen erreiche ich den Highway und bin schon bald in Tahoe. Hier belagere ich stundenlang den Subway, bis mittags die Post öffnet. Hallelujah!


2 Gedanken zu “20. Sierra City – South Lake Tahoe

  1. Oha, Dreamwalker läuft bei Schnee und Regen nicht weiter. Das waren noch Zeiten, als der tapfere Hiker darauf vertraute, dass alles wieder in Windeseile von alleine trocknet. Ja, als angehender Double-Crowner wird man klug und weise…..

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