19. Chester – Sierra City

1. Tag

Morgens wache ich im klatschnassen Zelt auf. In der Nacht war es gut kalt, um die Null Grad. Zusammen mit der Regennässe hat das zu enormer Kondensation geführt. Was für ein Glück, dass ich meine warme Kleidung am Vortag noch weiter voraus geschickt habe… Im Eiltempo husche ich ins Cafe. Hier muss ich leider Frühstücken, um das WiFi zum skypen mit der Familie mopsen zu können.

Gegen 10 Uhr stehe ich schließlich wieder auf dem Trail. Die Sonne scheint wieder, der Wald duftet und dampft noch vor Nässe. Es geht stetig bergauf hinauf auf Butt Mountain -also Popo-Berg. Der Berg ist recht schroff und felsig und hat herzlich wenig Po-Ähnlichkeit… Bietet aber schöne Aussichten!

Ich trockne Zelt und Schlafsack beim Mittagessen. Nachmittags wird es waldig und langweilig, ich höre viel Hörbuch und versuche, noch möglichst viele Meilen unterzubringen. Müde schlage ich um 8 Uhr im Stockdunkeln das Zelt auf. Auf Kochen habe ich eigentlich keine Lust mehr, will nur noch ins Bett, überrede mich aber dazu. Ebenso zum Tagebuch schreiben, was manchmal eine wahre Last scheint.

2. Tag

Es geht viel rauf und runter. Die Aussicht wird leider immer mehr von Rauch vernebelt, was von einem Waldbrand herrührt. Insbesondere im Tal, in das ich nun absteige, hängt der Rauch und kratzt in Augen und Nase.

Ich laufe schnell, sodass ich es bis mittags nach Belden schaffe, ein kleiner Ort der auf dem Trail liegt. So kann ich mir ein Eis zum Mittagessen gönnen! Die Stärkung kann ich auch wahrlich gebrauchen, denn nun geht es satte 4000 feet bergauf. Dafür werde ich oben von tollen Aussichten belohnt, der Rauch ist verflogen.

Meine Beine sind nun wie Wackelpudding, daher schlage ich „schon“ um 7 Uhr mein Zelt auf.

3. Tag

Die halbe Nacht hat eine Maus um mein Zelt geturnt und mich mit ihrem Geraschel wach gehalten… Morgens ist es warm und die Luft wieder rauchgeschwängert. Was für ein Sonnenaufgang! Durch den Rauch ist alles in milchiges sanftes Grau getaucht, dahinter steigt blutrot die Sonne empor!

Die Strecke ist heute sehr eben, ich komme gut voran. Erst nachmittags geht es ganze 13 Meilen bergab ins Tal des Feather River. Ich verschnaufe eine Weile und bewundere das klare tiefblaue Wasser und die schäumenden Stromschnellen.

Dann geht es natürlich auf der anderen Seite des Teams wieder ganz den Berg hoch! Müde krieche ich abends in den Schlafsack.

Langsam machen sich die langen Tage bemerkbar, ich bin erschöpft. Seit Oregon laufe ich nun zumeist 30 Meilen täglich. Da klingelt der Wecker um 5.30, sodass ich gegen 6 im Licht meiner Stirnlampe los laufen kann. Sobald es etwas hell ist, esse ich im Laufen einen Müsliriegel. Nach 2h gibt es dann endlich Frühstück, einen Proteinriegel, diesmal im Sitzen. Bis mittags möchte ich mindestens 17 Meilen schaffen. Das Lager schlage ich zwischen 7 und 8 Uhr auf, gegen 9 / halb 10 ist Schlafenszeit. Langsam reicht es mir. Seit einer Weile bin ich wenig motiviert und schlage nur noch die Meilen tot. Es wird Zeit, anzukommen.

4. Tag

Der Morgen beginnt mit einer heftigen Achterbahnfahrt, laut Karte geht es auf und ab, es fühlt sich aber wie ein endloses Bergauf an. Endlich habe ich den Rauch hinter mir gelassen. Beim Mittagessen beobachte ich das schnellste Chipmunk der Welt: Es flitzt über den Boden, springt über Felsen, rast über Äste, um schließlich senkrecht einen Baum hoch zu sausen. Der kleine Körper scheint zu fliegen, die winzigen Pfötchen berühren kaum den Boden, ich bin tief beeindruckt! Die waldigen Hügel verwandeln sich im Laufe des Tages in Berge. Und plötzlich bin ich mittendrin im Gebirge!

Ich bin hin und weg, schroffe, weiße Felsen, tiefe Täler und Seen, alles ins rosarote Abendlicht der untergehenden Sonne getaucht. Wunderschön! Ich bin wie verzaubert, und plötzlich ist sie wieder da, meine Begeisterung und Leidenschaft.

Meine Vorfreude und Neugier auf die nächsten Tage und Wochen! Ich bin überglücklich… Wäre Speedy nun hier, so würden ihr sicher einige wunderbar sentimentale Worte einfallen. Ich begnüge mich damit, idiotisch vor mich hin zu grinsen, Milliarden Fotos zu machen und mein Hochgefühl auszukosten.

5. Tag

Die Nacht hat es stark gestürmt. Windstille, dann rollt die nächste Böe an wie eine gewaltige Welle… Wie üblich laufe ich im ersten Tageslicht los.

Auch heute ist die Strecke wunderschön, ich liebe diese Berge!!

Der Wind hält sich. Die letzten 7 Meilen bis Sierra City sind anstrengend. Es geht zwar bergab, doch über grobes Geröll, mit dem böigen Wind in Rücken, nein inzwischen Sturm, gar nicht so einfach.

Doch am frühen Nachmittag bin ich angekommen. Und erlebe eine böse Überraschung: Das Geschäft, an welches ich mein Essenspaket für die nächsten Tage geschickt hatte, ist wegen Urlaub für zwei Tage geschlossen. Ich komme also weder an mein Essen, noch kann ich Ersatz kaufen! Es ist der einzige Laden im „Ort“. Blade, eine andere Hikerin, ist noch mehr verzweifelt, sie hat ihre Wanderstöcke am Vortag im Laden liegen lassen. Das ist mein Glück, denn sie rennt durch den ganzen winzigen Ort und setzt Himmel und Erde in Bewegung um die Tür des Ladens aufgeschlossen zu bekommen – so kann ich schließlich auch mein Paket holen. Ihre Wanderstöcke waren allerdings weg.

Die Nacht zelte ich hinter der kleinen niedlichen Kirche und laufe noch nicht gleich weiter wie geplant, da morgen fieses Wetter werden soll. Endlich nehme ich mir die Zeit, um Tage und Meilen durchzurechnen. Und bemerke, ich habe ja noch richtig viel Zeit! Und doch muss ich die nächste Etappe bis South Lake Tahoe das bisherige schnelle Tempo laufen, da ich ja kein zusätzliches Essen kaufen kann. Welch Ironie, da ich mich die letzten Tage doch so gestresst gefühlt habe…


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