16. Sisters – Ashland

Sisters – Shelter Cove

Mein „Ruhetag“ in der kleinen Stadt Sisters wird extrem stressig. Ich möchte endlich den Reißverschluss meines Zeltes reparieren lassen. Die lokale Näherin Marsha sagt, sie kann das nicht. Ein anderer Kunde mischt sich ein, Scott. Er hat für eine Tipi-Firma gearbeitet und telefoniert prompt all seine alten Kollegen ab. 60 Minuten später immer noch kein Erfolg. Marsha hat inzwischen so Mitleid, das sie es doch probieren möchte. Dafür kutschiert mich Scott ganz selbstverständlich zum Zeltplatz und wartet geduldig während ich das Zelt und den übrigen Kram zusammenpacke. Als ich im Laufschritt zum Auto zurück hetze, fragt er mich auch noch, wie er das ganze stressfreier und angenehmer für mich gestalten könne, unglaublich! Ich versinke fast im Boden… Als nächstes werde ich zum Postoffice kutschiert, wo mir meine Zeltfirma Ersatzreißverschlüsse hingeschickt hat. Und zurück zu Marsha. Wir werkeln gemeinsam eine Stunde, mit Erfolg!! Sie möchte partout kein Geld von mir annehmen, und bricht beim Abschied in Tränen aus. Was für wunderbare Menschen!

Meine trailangel Scott und Näherin Marsha, thank you so much for your time and help, you are incredible!!

Schließlich muss ich noch einkaufen für zwei Etappen und ein Paket mit Essen voraus schicken. Erst um 4 Uhr bin ich zurück auf dem Trail. Eigentlich ziemlich fix und fertig. Doch nun renne ich noch schnell schnell 5 Meilen, denn ich möchte noch zum Big Lake kommen. Hier bietet das adventistische Youthcamp Hikern kostenlose Verpflegung, Dusche, Wäsche und Camping an. Das Abendessen um 6 Uhr kann ich mir natürlich nicht entgehen lassen -und es lohnt sich. Ein Tag voller Stress, aber auch vieler wunderbarer Begegnungen!

Die Hiker Hut im Youthcamp

1. Tag

Frühstück gibt es erst um 6 Uhr, für mich viel zu spät. Ich laufe wie immer um 6 Uhr los. Zunächst ist die Strecke einfach, im großen Bogen um Mt Washington herum. Doch dann beginnt das gefürchtete Lavafeld. Es sieht aus wie in Mordor, eine riesige schwarze Geröllwüste. Unter den Füßen kollern unentwegt die Steine, ein einziges Vorwärtshoppeln. Sehr anstrengend für Fußgelenke und Knie. Aber es ist toll, endlich in einer anderen, spannenden Landschaftsform unterwegs zu sein! Das ist mir lieber, als ein einfacher langweiliger Tag -Speedy erinnert sich sicher noch an die formidable Laune, die ich letztes Jahr regelmäßig auf den Forststraßen des CDT hatte…

Ich komme an den Vulkanen „Three Sisters“ (North, Middle und South Sister) und „Little Brother“ vorbei. Obwohl nicht ganz passend (ich habe eine kleine Schwester und einen großen Bruder), denke ich heute viel an meine Familie zu Hause.

North Sister mountain

Auch an einem Obsidian Gebiet komme ich vorbei. Toll, wie ganze Hügel des schwarz glänzenden, messerscharfen Steins in der Sonne funkeln!

Obsidian Felder

Die letzten Meilen ziehen sich endlos in die Länge, meine Füße tuen unglaublich weh nach der anstrengenden Etappe heute. Erst um halb 8 baue ich ziemlich erschöpft im letzten Tageslicht mein Zelt direkt unterhalb der „Middle Sister“ auf, die wunderbar im Abendrot glüht.

2. Tag

Schon bald lasse ich heute die Berge hinter mir. Die Strecke wird leicht, es geht durch viel Wald der durchzogen ist von wunderbaren kleinen Seen. Einer schöner als der andere fällt es schwer, nicht dauernd eine Pause einzulegen.

Zum Glück ist auch die Moskito Hochsaison schon vorbei. Freunde hatten in WhatsApp schon Horrorgeschichten von der Gegend hier erzählt, aber ich sehe kaum einen Blutsauger. Für die langweiligen Abschnitte höre ich heute Hörbuch. Eine Neuigkeit für mich. Es ist super, die Zeit vergeht wie im Flug. Und prompt verpasse ich zum ersten Mal auf dem Trail eine Abzweigung und lande auf den falschen Weg! Zum Glück merke ich es sehr schnell. Ich komme super voran auf dem ebenen Gelände und schlage so schon um 6 Uhr mein Zelt auf. Luxus, ein freier entspannter Abend!

3. Tag

Es sind „nur“ noch 33 Meilen bis Shelter Cove. Um das in einem Tag zu schaffen, stelle ich einen straffen Zeitplan auf: Bis zum Frühstück 10 Meilen, ebenso zum Mittagessen, und den Rest bis mindestens 7 Uhr. Da muss ich mich ganz schön sputen… Trotzdem habe ich mir es nicht nehmen lassen, mittags in einen wunderschönen See zu schwimmen, so viel Zeit muss sein!

Ich kann es kaum glauben, aber Punkt sieben Uhr humpelte ich müde ins Resort Shelter Cove! Und was für ein Glück, dass ich es heute durchgezogen habe. Denn ich treffe viele alte Freunde wieder, die nach Norden laufen: Mockingbird, Velveeta und „die Franzosen“. Es ist schön, sie alle wieder zu sehen. Macht mich aber auch etwas traurig: Wie wäre es wohl gewesen, wäre ich weiter nach Norden gelaufen? Wären wir noch gemeinsam unterwegs? Ich fühle mich einsam, wenn ich die tiefen Freundschaften sehe, die die anderen über die lange Zeit und die geteilten Abenteuer inzwischen gebildet haben.

Shelter Cove – Crater Lake

4. Tag

Mockingbird hat mir von einer Abkürzung erzählt: 8 Meilen kürzer als der PCT, mit mehr Trinkwasser und trail magic! Das lasse ich mir natürlich nicht zweimal sagen… Es ist heiß, die Strecke geht hauptsächlich über sandige Reitwege. Schon bald starre ich vor Staub und Dreck. Eine schöne Abwechslung sind die kalten Getränke, die ich beim Horse Camp von den Camphosts bekomme. Nach nur 20 Meilen komme ich direkt bei einem Wasser Depot wieder auf den PCT. So schlage ich ausnahmsweise schon an frühen Nachmittag mein Zelt auf und genieße es, bei dem kurzen Lauftag trotzdem quasi 28 trailmeilen geschafft zu haben. Hihi…

5. Tag

Heute starte ich mit sehr schweren Gepäck, denn ich muss Wasser für 22 Meilen tragen. Die Strecke ist langweilig, endloser Wald. Ich versinke die meiste Zeit in meinen Hörbuch. Obwohl die Geschichte leider immer bescheuerter wird, egal. Zumindest hänge ich nicht permanent in meinen eigenen Gedanken, auf die Dauer können die nämlich echt anstrengend sein.

Am höchsten Punkt des PCT in Oregon und Washington

Nach 22 Meilen erreiche ich den Thielsen Bach. Eiskalt, lecker, und perfekt für ein Fußbad! Dann umrunde ich den schroffen Mt Thielsen, endlich gibt es etwas zu sehen!

Mt Thielsen

Ich übernachte wieder bei einem Wasser Depot. Ich bin super dankbar, dass es die hier gibt! Sonst wären die „Trockenstrecken“ noch viel länger…

6. Tag

Heute steht der berühmte Crater Lake an, von den mir schon so viel vorgeschwärmt wurde. Leider ziehen bereits am frühen Vormittag Wolken auf. Und genau als ich mittags den See erreiche, beginnt es zu regnen. Zunächst noch schwach, so kann ich den riesigen, fast perfekt runden Krater bewundern. Und erahnen, in was für einem Tiefblau er sonst wohl schimmern muss.

Crater Lake mit Wizard Island

Ich stellte mir vor, was für ein riesen Vulkan hier mal gethront haben muss, und welche Gesteinsmassen er beim Ausbruch wohl durch die Gegend geschleudert hat! Der Regen wird heftiger.

Ich bin heilfroh, als ich das Touridorf in Mazama erreiche und im Cafe unterschlüpfen kann. Ich bin nicht sicher, ob mein Zelt dem sinntflutartigen Regen standhalten kann, aber die Lodge kostet satte 250 Euro. Also hocke ich den Rest des Tages im Cafe rum und hoffe, dass der Regen irgendwann nachlässt. Und erlebe meinen schönsten hikertrash- Moment: Die verpacken Salate im Cafe lächeln mich an, ein kleines Schälchen kostet aber 8$!! Da fliegt einen Kunden tatsächlich der Salat hochkant die Treppe runter! Und wer ist natürlich sofort zur Stelle und hilft aufräumen? 😄 Hat sich gelohnt, in der Schüssel ist noch Einiges unberührt liegen geblieben…

Als ich um sieben Uhr mein Zelt aufschlage, nieselt es endlich nur noch.

Mein Notlager im Café

Crater Lake – Ashland

7. Tag

Alles ist feucht und es ist ziemlich kalt. Ich bleibe noch eine ganze Weile im warmen Schlafsack liegen… Die Strecke ist heute langweilig, viel Wald, viel Waldbrandgebiet, heiß.

Erst die letzten zwei Stunden am Abend komme ich auf einen Bergkamm und kann schöne Aussichten genießen.

Blick zurück

8. Tag

Heute komme ich nur schwer voran. Es ist irre heiß und langweilig, die Meilen ziehen sich. Wald, Wald, Wald, irgendwann sieht alles gleich aus.

Ein mir entgegen kommender northbounder berichtet aufgeregt, in 5 Meilen sei tolle trailmagic, Burger, Pfannkuchen, kalte Drinks! Ich fange an zu rennen. Anderthalb Stunden später komme ich völlig fertig am besagten Parkplatz an. Und sehe nur noch, wie Tische und Stühle zusammengepackt werden. Voller Mitleid drücken mit dir beiden trailangel noch ein paar Trauben in die Hand. So ein Mist! Obwohl wir uns kaum 5 Minuten unterhalten, wollen sie ein Foto und einen Eintrag im trailbuch von mir. Manchmal kommt es mir vor, als seien wir Hiker Teil ihrer Sammlung: „Schau mal, wem ich alles geholfen habe, ein Kanadier, eine Französin, hier ein seltenes Exemplar aus Südafrika, und sogar ein 70 Jähriger, und natürlich mein großes Set Deutsche… „. Ich will nicht undankbar klingen, aber manchmal doch etwas seltsam.

Die letzten 10 Meilen sind anstrengend, es gilt holprige Lavafelder zu queren, damit hatte ich gar nicht gerechnet. An liebsten würde ich früher zelten, aber ich muss es heute noch bis zum nächsten Wasser schaffen.

9. Tag

Es ist gar nicht mehr so weit bis Ashland. Daher stresse ich mich heute nicht mit den Meilen und habe wieder viel mehr Spaß am Laufen. Heute bemerke ich, wie sich der Wald nur innerhalb einer Tagesetappe verändert: Er wird merklich trockener, es gibt weniger Flechten und Sträucher, und wieder viele Eidechsen, an deren plötzliches Geraschel ich mich erst wieder gewöhnen muss. Ich merke, es ist nun tatsächlich nicht mehr weit, bis ich zurück in Kalifornien bin! Wieder ist es sehr heiß und öde. Ein Bienenstich am Oberarm juckt den ganzen Tag fies. Um mich abzulenken höre ich mein grässliches Hörbuch – in der Not inzwischen zum zweiten Mal. Ich freue mich auf die Stadt, gutes Essen, Dusche, Ruhetag. Und ein neues Hörbuch. Wird auch Zeit, ich bin erschöpft.

10. Tag

Heute habe ich viele Aussichten, sandige bewaldete Hügel überall.

Frühstück mit Blick auf Mt Shasta

Wieder ist es heiß, doch es ist heute nicht weit. Gegen 12 Uhr stehe ich am Highway und hitche nach Ashland, wo ich ins Hostel gehe für ganze zwei Nächte. Luxus!

270 Meilen, 10.5 Tage


4 Gedanken zu “16. Sisters – Ashland

  1. Oh ja, an deine extrem “gute Laune“ beim Roadwalking erinnere ich mich sehr gut. Und auch daran, wie du auf diesen Hikerautobahnen immer langsamer wurdest und ich meinem Namen mal ausnahmsweise alle Ehre machen konnte. Wie schaffst du es jetzt bloß so zu rasen? Hut ab. Vielleicht holst du ja die vorletzten sobos noch ein…..Run Dreamwalker, run….

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