1. Tag
In White Pass mache ich einen Nero, also einen halben Ruhetag. Ich komme schon früh nach nur 2 Meilen Laufen an, genieße meine Dusche und stopfe mich mit Essen aus der Hiker Box voll. Auch erwarte ich hier zwei Pakete: Lebensmittel, die ich vorausgeschickt hatte, und eine nagelneue aufblasbare Isomatte! Bisher hatte ich ja auf zusammen getapten Isomattenschnipseln aus Ravensongs Roost „geschlafen“…
Nachmittags laufe ich noch 5 Meilen. Es geht steil den Berg hoch, mein Rucksack ist mit Essen für 7-8 Tage reichlich schwer. Schon bald werde ich von einem Heer Mücken umlagert. Um ihnen zu entkommen stürme ich also im Affenzahn, wie eine Lokomotive schnaufend den Berg hoch, halte in einer Hand die Wanderstöcke und versuche mit der anderen ein Blutbad anzurichten… Das sollte eine neue olympische Disziplin werden!


2. Tag
Schon morgens ist der Himmel schwer bewölkt. Was für ein Jammer, heute möchte ich doch die berühmten Goat Rocks erklimmen! Immer noch ächze ich unter dem schweren Rucksack. Es fängt an zu Nieseln, was sich langsam zu einem steten Dauerregen entwickelt. Um 11.30 bin ich völlig durchweicht. Eine Querung des schroffen Berges ist mit dem nassen Boden gefährlich, davon abgesehen würde ich die angeblich grandiose Aussicht verpassen. Hier ist der letzte mögliche Zeltplatz, wo ich nun nach nur 10 Meilen schon mein Lager aufschlage. Den Rest des Tages verbringe ich im Zelt, der Regen prasselt auf das Dach, ich schlafe viel, trinke Tee beobachte die Wolken, die rasend schnell vor den Bergen entlangziehen.

3. Tag
Sonne! Das Warten hat sich gelohnt. Und wie! Der Aufstieg ist anstrengend, es sind 1500 feet auf wenigen Meilen zu bewältigen. Doch was für ein Anblick: Die nahen schroffen Berge, die ich hochkrieche, glühen rot im ersten Morgenlicht, dahinter sanftere bewaldete Berge, noch halb im Nebel versteckt, und in der Ferne thront der mächtige Mt Rainier, dessen Gletscher blendend weiß leuchten.

Ich kann mich kaum satt sehen. Doch auch der Trail verlangt Aufmerksamkeit, denn er ist schmal und daneben geht es steil bergab. Drei kleine Schneefelder sind zu queren, mit den Mikrospikes kein Problem.

Ein langer Abstieg folgt. Nun rückt Mt Adams ins Rampenlicht. Die Wiesen sind bedeckt mit Wildblumen. Absolut unglaublich, es erscheint fast unwirklich schön.

Im Tal angekommen steht nachmittags schließlich eine langweilige Strecke an. Wald durchzogen mit morastigen Tümpeln. Eine Mückenhochburg, so etwas habe ich noch nicht erlebt. Aber was für ein einmaliger Tag! Ich versuchte nun Tempo zu machen und schaffe 24 Meilen.
4. Tag
Ich stehe vor den Mücken auf und renne los. So schaffe ich auf ebener Strecke 6 Meilen vor dem Frühstück, was ich in Insekten-freier Zone einnehmen kann. Es geht sanft bergauf durch Kiefernwald, langweilig. Bis ich schließlich Mt Adams auf die Füße steige. Der PCT folgt eine Weile dem Rundweg, der um den Berg führt. Wunderschön! Wieder eine Blumenpracht ohne gleichen, mit dem Vulkangipfel im Hintergrund.

Es ist sehr warm. Nachmittags ist ein baumloses Waldbrandgebiet zu queren, ich krieche vor mich hin und schwitze ohne Ende.

Abends kann ich glücklich nach 25 Meilen den Schweiß und Staub in einem Bach abspülen. Mücken gab es nun fast keine mehr, dafür beißwütige fette schwarze Fliegen.
5. Tag
Nicht spannend. Viel Wald. Viele Blaubeeren!! Wenig Steigung. Sehr heiß. Schmerzende Füße. Nach erneuten 25 Meilen ein Lager am See. Schwimmen!

6. Tag
Die langen Tage fordern langsam ihren Tribut. Aber der entspannte Abend am See hat gut getan, ich bin morgens fit wie lange nicht mehr. Kann aber auch an dem Instant Kaffee liegen, den ich heute zum ersten Mal probiert habe. Ich fliege vor mich hin, auch der Anstieg auf den „Berry Mountain“ ist kein Problem. Erst die Millionen von Blaubeeren bremsen mich erheblich, die hier passenderweise sprießen. Wenig später erklimmen ich „Big Huckleberry Mountain“, ratet mal, was ich hier mache… Lecker!

Nun geht es ganze 8 Meilen bergab, nicht so nett für meine Krüppel-Knie. Aber kurz darauf schlage ich mein Lager am Wind River Fluss auf, und nehme wieder ein erfrischendes Bad. Bis nach um Mitternacht liege ich hell wach im Zelt, eine Ewigkeit, sonst schlafe ich spätestens um 10. Nie wieder trinke ich Kaffee! Andere PCT Hiker sehe ich seit einer guten Woche nun immer seltener, und wenn dann welche, die in Gegenrichtung laufen. Man grüßt kurz und eilt weiter. Meine lange Knie-Auskurierung hat mich weit zurückfallen lassen, hinter die andere Southbounder. Ich fühle mich langsam etwas einsam…
7. Tag
Heute stehen gleich zwei Berge an. Zum Glück ist es endlich nicht mehr so irre heiß! Der Wald ist wieder dichter und Regenwald-ähnlicher. Sehr schön.

Den ersten Berg geschafft mache ich Mittagsrast am Fluss. Hier treffe ich Strider wieder, eine Australierin, die ich aus Stehekin kenne. Ich hole langsam auf, hehe! 😁

Der zweite Berg hat es in sich, zumal der Weg sehr uneben und geröllig ist. Auch schlägt das Wetter um, es windet heftig und ich bin mitten in den Wolken. Dafür kann ich heute massig Thimbleberries pflücken, und zum ersten Mal Blackberries. Die sind herrlich! Völlig erledigt von den ganzen Höhenmetern schlage ich um kurz nach 6 mein Zelt auf. Nun freue ich mich auf den Ort Cascade Locks, das gute Essen und eine Dusche!!
8. Tag
Heute sind es nur noch 8 Meilen bis Cascade Locks! Wenig spannend durch Wald. Aber Blackberries zum Pflücken ohne Ende!!

Hätte die Dusche nicht nach mit gerufen, so wäre ich vermutlich jetzt noch dort… Ich quere die berühmte Bridge of Gods, verlasse Washington und komme nach Oregon! Nun ist die Hälfte der Strecke geschafft, 1300 Meilen (2080 km) liegen sowohl hinter, als auch vor mir…
Ich bin so unendlich froh und dankbar, habe ich doch eine ganze Weile befürchtet, abbrechen zu müssen. In Cascade Locks bleibe ich eine Nacht und erhole mich.


Wieder ein sehr gelungener Beitrag, liebe Dreamwalker. Vielen Dank wieder einmal für die tollen Impressionen und das Fernweh 🙂
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Mann, was für wunderbare Bilder. So viele Blumen (und Mücken), erinnert mich an die Winds. Und so viele leckere Beeren…. das bremst fleißige Hiker aus. Ohhh, das Trail-Heimweh packt mich da ganz fürchterlich..Wenn du dich einsam fühlst, in Gedanken laufe ich mit dir mit.
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Update: unser Reisebericht/Artikel zum CDT ist im Outdoor-Magazin, Ausgabe September veröffentlicht!
Dreamwalker, this ist for you, even it’s corny, but it’s right from the heart:
When you walk through a storm
Hold your head up high
And don’t be afraid of the dark.
At the end of the storm
There’s a golden sky
And the sweet, silver song of a lark.
Walk on, through the wind,
Walk on, through the rain,
Though your dreams be tossed and blown.
Walk on, walk on with hope in your heart,
And you’ll never walk alone,
You’ll never walk alone
Walk on, walk on with hope in your heart,
And you’ll never walk alone,
You’ll never walk alone
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Liebes Speedy,
Danke für die liebe Nachricht!! Ich Decke auch beim Laufen sehr sehr oft an unsere gemeinsame Zeit letzten Sommer zurück… Du bist also auf jeden Fall mit dabei auf den PCT, und das ist schön! Hab dich lieb, Sanne
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Dein durchhaltewille ist erstaunlich, vielen dank dass du mich, via Reise-Tagebuch, auf deiner Wanderung mitnimmst.
Frage: eurer Reisebericht wird im Outdoor-Magazin September 2019 veröffentlicht?
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Gerne, freue mich dass es dir gefällt! Ich glaube der Artikel über den CDT ist bereits im August veröffentlicht worden…
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