Anavryti – Gythio

9. Tag

Ein ereignisreicher Tag! Und lange… Sodass ich jetzt eigentlich nur noch schlafen will, und nicht Blog schreiben. Also, los ging es heute schon um halb 8. Bzw da die Nacht zuvor Uhr-Umstellung war, war es dann nach Ortszeit halb 7. Und direkt geht es kräftig bergauf. Immer durch dichten Nadelwald, mit gigantischen allen Bäumen und federnden Böden. Allerdings auch häufig rutschig, durch all die Nadeln und Zapfen.

Wildschwein-Paradies

Und, wie kann es anders sein, gibt es überraschend viele gute Zeltstellen. „Ach wären wir doch gestern weitergegangen…“. Wir frühstücken nach knapp 2h an einer Quelle -auch Wasser gibt es viel mehr als erwartet! Die Aussicht wird immer grandioser, in weiter Ferne wird unser Ziel sichtbar: Das Meer! Und schließlich erreichen wir nach ziemlich genau 5h die Schutzhütte unter den Gipfel des Berges . 1100 Höhenmeter haben wir schon bewältigt! Die Hütte ist groß, und es ist einiges an Betrieb! Auch Zelte sind aufgebaut. Einige Wanderer wollen als Tagesausflug den Gipfel erklimmen und danach hier schlafen. Auch 2 Worte E4 Wanderer treffen wir -natürlich Deutsche, unfassbar an Deuter Rucksack zu erkennen.

Der Gipfel des „Profitis Elis“

Nach den Mittagessen geht es weiter. Zunächst einiges bergab, bis wir nach ca 1h eine kleine Schutzhütte erreichen. Ein wunderbares Fleckchen! Nun geht es nochmal kräftig bergauf, die Steigung zieht sich, die Beine werden schwer. Am Kamm angekommen gönnen wir uns eine lange Pause – wir wissen ja noch nicht, was nur 500 Meter weiter auf uns wartet.. An der Kapelle St. Dimitri steigt ein rauschendes Fest. Dimitri hatte gestern Namenstag, und da gestern nicht alle Dorfbewohner Zeit hätten, feiert man eben bis heute weiter. Wir werden auch sofort zu Kuchen, Salat und Wein eingeladen, das frisch gebratene Souvlaki lehnen wir dankend ab. Was für eine tolle Überraschung! Man weiß nie, was der Tag noch bringt…

Grillfest für den Heiligen Dimitri

Wie wahr! Zunächst geht es nur eine Schotterstraße bergab, auch mit Wein im Kopf gut zu laufen. Doch dann biegt der Trail ab: Geröll, Äste, umgestürzte Bäume, steile Hänge. Es ist extrem mühsam und fördert hohe Aufmerksamkeit. Und Wums, schon kracht es hinter mir und Speedy liebe am Boden. Zielsicher ist sie beim Stolpern mit dem Schienbein auf einer Astspitze gelandet, die sich tief ins Fleisch bort. Es blutet kräftig, der Kreislauf sackt zusammen. Mitten im Steilhang schaffen wir eine notdürftige medizinische Versorgung. Dann geht es weiter. Sehr langsam und vorsichtig. Der Weg bleibt mieserabelst. Langsam geht dir Sonne unter, wunderschön. Doch die Strecke zieht sich endlos.

Tapferes Speedy: mit frischem Loch im Bein im Steilhang

Mit einsetzender Dunkelheit erreichen wir gerade noch die Straße, wo wir unterhalb einer Kapelle müde das Zelt aufschlagen, 2 km vor dem Ort Arni. Heute haben wir 2 Etappen geschafft, insgesamt 26 km und 1940 Höhenmeter bergauf, ein griechisches Volksfest und ein Loch im Bein. Was für ein Tag!

10. Tag

Noch im Schlafsack liegend beobachte ich durch die offene Zelttür einen genialen Sonnenaufgang über den Meer, von tief rot über orange zu zart rosa. Das Leben kann so wunderbar sein!

Morgenstimmung, in der Ferne das Meer

Von unserer Zeltstelle aus sind es nur 2 km bis in den Ort Arna. Hier befindet sich einer der größten Platanenbäume Griechenlands. Der Gigant thront mitten auf dem Dorfplatz und trägt mit den Ästen bis über die Dächer der umliegenden Kafenions. Wie alt mag er sein? Was hat dieser Baum wohl schon erlebt? Unter seinem Blätterdach genießen wir über Frühstück. Als ein kräftiger, unglaublich verschmuster Kater auftaucht und auch ordentlich kraulen lässt ist der Tag für mich schon perfekt.

Riesenplatane in Arna

Nach Arna geht es hinab in ein wildes Tal. Zwischen den dichten Bäumen tauchen immer wieder Pflasterwege auf. Alte Verbindungsstraßen zwischen den Orten. Dann wieder verschwunden die Trittsteine zwischen mächtigen Wurzeln und Felsen. Wir fühlen uns wie der Hobbit Bilbo Beutlin im wilden Fangorn Wald.

Im Fangorn Wald

Auch wir streben den Licht entgegen, wo wir wieder auf die Straße treffen werden. Schrittweise kündigt sich unsere moderne zivilisierte Welt an: Durch immer häufiger herumliegenden Plastikmüll, der von der Straße aus durch das dicke Gestrüpp fällt. In 2000 Jahren werden die Leute keine verwunschenen Pfade als Relikte unserer Zeit finden, sondern Berge und Berge von Schrott…

Wir kommen an die Straße. Luft, Licht! Und ein herrlicher Blick aufs Meer. Von nun an folgen wir Asphalt und Schotterstraßen, überwiegend bergab. Es ist sehr warm heute, eigentlich schon seit zwei Tagen merkt man deutlich wie es zum Meer von wärmer wird. Auch die Dörfer sehen nun „typischer“ griechisch aus, statt groben Bruchsteinmauern sind die Wände nun glatt und ordentlich weiß gekalkt.

Bequem laufen wir entlang von endlosen Olivenhainen, immer wieder wünschend wir einen Blick zurück auf die Berge, und voraus aufs Meer. Das Zelt schlafen wir bereits am Nachmittag auf, denn die Wiese neben einer verlassenen Kapelle ist für die letzte Nacht einfach zu perfekt…

Nach 230 km mit leichten Gebrauchspuren

11. Tag

Der letzte Tag! Beginnt wieder mit einem tollen Sonnenaufgang über den Meer. Die Aussicht aufs Meer wird uns heute immer wieder begleiten. Den ganzen Tag geht es sanft bergab, größtenteils leider über Straßen, zumeist auch asphaltiert, zum Glück aber mit kaum Autoverkehr. Immer wieder kommen wir durch kleine Dörfer, meist nur eine Ansammlung von ein paar Häusern. Ich bin wie ein Eichhörnchen, immer wieder fallen mir wahre essbare Schätze in die Hände: Orangen, Zitronen, Trauben, Granatapfel, Feigen und Kaktusfrüchte versüßen uns den Tag.

Südfrüchte Lektion 1: Kaktusfrüchte pflücken will gelernt sein, und Oliven sind „roh“ mäßig genießbar

Auch gibt es überall Blumen und ein paar Palmen, eine ganz andere Welt als noch gestern in den Bergen. Die Strecke ist viel weniger öde als gedacht, erst als wir die „Ebene“ erreichen zieht es sich dann doch etwas. Doch wir kommen schnell voran und erreichen schon um 14 Uhr Gythio!

Am Ziel!

Von Meer zum Meer zu laufen, das ist schon etwas Besonderes. Wir genießen das Gefühl des Erfolges und der Freiheit der letzten Tage, machen haufenweise Anschlussfotos, und lassen in Gedanken die letzte Woche Revue passieren. Die Route war so unglaublich abwechslungsreich. Es gab langweilige Straßenabschnitte, gut gepflegte Wege und überwucherte Pfade. Tiefe Schluchten, Berge, Pässe bis über 1600 Meter Höhe, Hochebenen, Wälder mit uralten Bäumen und unzähligen Pilzen, knorrige Olivenhaine und gemütliche Dörfer, mit ehrlich herzlichen, gastfreundschaftlichen Menschen.

Abenteuer E4…

Noch gestern passierten wir eine Tafel mit den gesamten E4 darauf, von Portugal bis Zypern. Selbst nach nur 11 Tagen sind die Beine wieder muskulöser, die Kondition reichlich gestiegen. Wie schön wäre es, nun noch weiterlaufen zu können, frei und ungebunden, Schritt für Schritt täglich weitere Landschaften zu erkunden, neue Menschen kennenzulernen, jeden Tag etwas Neues zu erleben… Aber erstmal müssen wir uns in Corona Zeiten wohl mit „kleinen Fluchten“ aus dem sogenannten normalen Leben begnügen.

Ein wenig Zeit bleibt noch zum Ausklingen der Reise. 2 Tage werden wir am Meer in Gythio bleiben, und dann einen Tag Athen erkunden, bevor es wieder nach Hause geht…


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