Bin nun in MAMMOTH. Ja, wirklich.
Wir waren 3 Nächte in Bishop, toller Ort mit super Hostel! Immer noch blieb mein Durchfall, mal mehr mal weniger, aber am dritten Tag ging’s mir ganz gut. Deshalb sind wir abends alle zusammen zum Trail gehitcht, Ginger ist auch wieder im Team! Das war schon eine Odyssee für sich… Unser Fahrer musste „nur noch kurz Öl wechseln“, dafür aber zu einem Kumpel fahren, dessen Tochter gerade einen Kindergeburtstag im Park feierte. Dort angekommen stellt der Fahrer fest, das Öl vergessen zu haben! Lange Rede kurzer Sinn: erst spätabends sind wir zum Trail zurück gekommen. Nachts musste ich wieder einige Male flitzen, um es noch rechtzeitig aus den Schlafsack zu schaffen.
Um 2 Uhr nachts laufen wir los, da es sehr warm ist und wir kalten harten Schnee für den Pass brauchen. Nach 1/2h stetig bergauf mit schweren Rucksack, bleibe ich stehen, schaue verzweifelt meinen immer weiter entfernten Freunden nach. Ich habe einfach keine Kraft mehr. Seit einer Woche habe ich kaum gegessen, zuletzt habe ich mir gerade einen Müsliriegel am Tag reingezwungen, wegen Übelkeit und Appetitlosigkeit. Und was ich gegessen habe, blieb nicht lange drin. Das bei einem täglichen Kampf durch Tiefschnee zehrt aus! So kann ich die anstehende lange (10 Tage) und fordernde Etappe (7 Pässe, plus Flussquerungen und Tiefschnee) schaffen. Beim Laufen kreisen pausenlos die Gedanken: Ist das klug was ich hier mache? Ich wünsche mir, jemand würde mir sagen „Dreh um, das geht so nicht“ und mir damit die Entscheidung abnehmen würde. Mir kommen die Worte von Frodo, dem trailangel aus San Diego in den Kopf „make wise decisions“. In Tränen stehe ich auf dem Trail, ich bin so erleichtert weil ich weiß, ich MUSS umdrehen, aber zugleich tieftraurig. Ich rufe meinen Freunden die ENtscheidung hinterher, und schlurfe wieder den Berg hinab. Im Klohaus beim Parkplatz schlafe ich noch etwas -gute Wahl, da ich fast pausenlos aufs Klo muss. Gut, dass es soviel Klopapier gibt. Mir geht’s nicht super schlecht, aber gut definitiv auch nicht.

So geht’s jedenfalls nicht weiter, daher fahre ich am nächsten Tag in die Klinik nach Mammoth. Diagnose: Darmvirus Giardia, zum Glück eine ziemlich seltene Form, die weniger aggressiv und leichter zu behandeln ist als die übliche Form. Also Antibiotika und ein paar Tage Ruhe.
Ich bleibe zwei Nächte in Mammoth. Bin körperlich erschöpft, ziemlich müde und kraftlos, kein Wunder, nach einer anstrengenden Wanderwoche ohne viel Nahrung. Aber auch emotional bin ich angeschlagen. Die Entscheidung den Trail vorerst zu verlassen fiel mir schwer – um ehrlich zu sein habe ich es solange ignoriert, bis mein Körper mir die Wahl abgenommen hat. Ich bin traurig, meine Freunde nun gehen zu lassen und sehr unsicher, wie es weiter gehen soll. Noch im Krankenhaus treffe ich Steam Mashine, er hat sich beim Sturz den Berg hinunter mehrere ernste Verletzungen zugezogen und muss sich ein paar Wochen auskurieren. Wir kontaktieren das Hostel in Bishop und haben Glück: Dort können wir kostenlos bleiben gegen ein wenig Mitarbeit. So hitchen wir also zurück nach Bishop. Ich bleibe zwei Nächte. Endlich wirkt das Antibiotikum, die Übelkeit geht und ein riesen Appetit kommt. Ich bin überglücklich, mir geht es schnell viel besser.

Doch die Unsicherheit bleibt, wie geht es weiter? Täglich kommen neue Hiker aus den Sierras, die Schneeschmelze ist nun in vollen Gange. So viele Geschichten von einstürzenden Schneebrücken, Hikern die Schneefelder runterstützen (siehe Steam Mashine), Lawinen und Steinschläge, und Leute die im Fluss weggespült werden. Meistens enden die Geschichten mit „…so viel Glück gehabt, gerade noch gut gegangen“. Aber täglich werden auch Leute mit Helikoptern gerettet, und zwei Tagestouristen (nicht PCT-Hiker) sind dieses Jahr bereits auf Mt Whitney gestorben.
Schweren Herzens treffe ich die Entscheidung: Ja, die Sierras sind wunderschön, auch gerade im Schnee, aber das Risiko ist im Moment zu hoch. -Bin ich zu zimperlich, zu besorgt, zu schwach? Könnte ich es nicht vielleicht doch schaffen? Vielleicht. Aber ich hätte kein gutes Gefühl, den Trail hier wieder aufzunehmen. Klar, meistens geht alles gut, aber im Moment ist es tatsächlich ein Glücksspiel, und jeder ist hier für sich und seine Sicherheit selbst verantwortlich, jeder muss seine persönliche Entscheidung treffen. Manche gehen weiter (Iceking schreibt, er ist mir nun schon weit voraus und genießt die Sierras in vollen Zügen!). Manche verlassen den Trail komplett und fliegen nach Hause oder machen stattdessen Urlaub. Und viele springen irgendwo weiter nach Norden.
Sunny (Niederlande) und Mellow (USA) geht es ähnlich wie mir. Wir tun uns zusammen und beschließen einen Flip: Wir fahren zur kanadischen Grenze und wollen dann Southbound laufen, bis zurück nach Bishop wo wir den Trail verlassen haben. Uns steht eine mehrtägige Reise mit hitchhiken, Auto mieten und Busfahrten bevor. Aber so können wir hoffentlich weitgehend schneefrei weiter laufen und voraussichtlich im Herbst die Sierras in einen ganz anderen Gewand kennen lernen.

