Meine Herren, die Sierras haben es in sich! Wunderwunderschön -und höllisch anstrengend…
1. Tag
Der erste Tag in den Sierras ist genial! Wir sind nun eine tolle 5er Truppe: Ginger, Velveeta, Mockingbird, Trimp und Dreamwalker! Zunächst führt der PCT an einen Fluss entlang, es ist sehr warm. Da können wir es nicht lassen, ein Bad zu nehmen. Ein sehr kurzes. Das Wasser ist eiskalt! Ringsherum eine weite Lichtung und die ersten echten Berge.

Von nun an geht es viel bergauf, bis wir unser Camp erreichen. Im Tal war alles schon grün, hier oben finden wir gerade noch ein paar schneefreie Plätzchen für unsere Zelte. Nachts gefrieren unsere Wasserflaschen, wir müssen nun mehr auf unsere Sachen achten. In einer Gruppe zu laufen ist schön! Es gibt viel zu lachen, es ist toll, die Erlebnisse zu teilen und gemeinsam Entscheidungen zu treffen! Etwas nervig ist es dafür, sich in manchen Dingen anpassen zu müssen, zb in Etappenlänge, Gehgeschwindigkeit und wann wie lange Pause gemacht wird. Da kommt mit mein Einzelgänger-Gen manchmal in die Quere… 😉 Hmm und Trimp versucht sich abends im Ukulele-Spielen, jeden Abend.
2. Tag
Am zweiten Tag laufen wir pflichtbewusst um 5 Uhr mit dem ersten Tageslicht los. Denn früh morgens ist der Schnee noch schön hart und gut darauf zu laufen. Wir tragen nun permanent Microspikes, damit haben wir guten Halt.

Die Strecke ist leichter als gedacht, sodass wir heute doch zwei Berge in Angriff nehmen. Beim zweiten Berg sind wir alle heftig am strampeln, die Höhe macht uns zu schaffen. Wir bekommen schlecht Luft und haben Gummi in den Beinen. „Schon“ um vier kommen wir an unser Camp, sind aber auch gut müde.
3. Tag (Lone Pine)
Heute sind nur 5 Meilen zu laufen, um an die Straße zu kommen. Also können wir guten Gewissens bis 6 Uhr „ausschlafen“. Die Strecke läuft sich leicht. Die letzten Meilen laufen wir einen Nebentrail, um zur Straße zu kommen, der Weg geht steil bergab und ist voller Schnee. Im Tal queren wir einen Fluss zum ersten Mal über eine Schneebrücke. Das fühlt sich zunächst übel unsicher ab, aber klappt gut.

An der Straße begegnen uns schon bald Trailangel, die uns in den Ort Lone Pine runter fahren. Wir quetschen uns zu acht in ein Auto, die Rucksäcke werden aufs Dach geschnallt. Dann geht es in steilen Serpentinen den Berg runter, mit schwindelerregenden Blicken auf das tief unten liegende Death Valley.

In Lone Pine kaufen wir neue Essen für die nächste Etappe. Nur 68 Meilen ist diese lang, normalerweise würden wir dafür 3 Tage einplanen. Mit dem Schnee und den zu bewältigen Pässen planen wir vorsichtshalber dafür nun satte 6 Tage ein. Am Abend hitchen wir zurück zum Trail.

4. Tag
Wieder geht es steil bergauf, um über den Seitentrail zurück zum PCT zu kommen. Nach erfolgreichen 300 Höhenmetern fast senkrechter Strecke sind wir wieder auf dem Trail und gönnen uns endlich unser Frühstück.

Dieser Tag wird extrem anstrengend. Es geht viel bergauf und ab, ich kämpfe mit der Höhe. Besonders wenn es anstrengend ist, also der Schnee tief oder es steil bergauf geht, bekomme ich Kopfschmerzen und leichte Übelkeit. Trimp hat auch Probleme, dem Rest der Gruppe geht es ganz gut. Gemein. Damit hatte ich nicht gerechnet -letztes Jahr auf den CDT waren wir in Colorado höher, und ich hatte weniger Probleme. Ab 10 Uhr mittags wird der Schnee schon sehr weich, ab dann wird das Laufen sehr anstrengend. Die Füße sinken immer wieder tief rein, und man rutscht bei jeden Schritt wie über Schmierseife. Dafür ist es einfach unglaublich, unglaublich schön hier! Schroffe Berge, verschneite Tannenwälder…


Erst um 5 Uhr schlagen wir unsere Zelte nach nur 12 Meilen (!!) auf, die sich wie 25 angefühlt haben. Ich bin völlig ausgenockt.
5. Tag
Wieder laufen wir mit dem ersten Tageslicht los. Die Strecke ist zum Glück leicht. Auch sind wir heute weniger hoch, mir geht es deshalb viel besser als am Vortag. Es steht nur eine kurze Strecke an, da haben wir mittags auch gut Zeit um self-arrest mit der iceaxe zu üben. Damit man sich sichern kann, wenn man mal ausversehen den Berg runter segelt. Wir sind sehr enthusiastisch dabei, und schrammen uns im harten Schnee fleißig die Knie blutig.

Unser Lager schlagen wir heute bei der Ranger Station des Mount Whitney auf. Der höchste Berg der USA, ausgenommen Alaska, den wollen wir am nächsten Tag besteigen.
6. Tag
Pünktlich um 3 Uhr nachts laufen wir los. Es ist stockdunkel, trotz Stirnlampen ist es schwer, dem schneebedeckten Weg zu folgen. Zum Glück eilt Ginger mit der guthooks App im Anschlag voraus und weist uns den Weg. Allein bis zum Fuß des Berges sind 2000feet an Höhe zu bewältigen. Mitten in der Nacht über Schneewehen kraxeln ist verdammt anstrengend. Gerade Mockingbird und ich kommen immer langsamer vorwärts. Wir haben keine Kraft mehr in Armen und Beinen. Gegen 5 Uhr genießen wir am Fuß des Mit Whitney einen wunderschönen Sonnenaufgang über den Bergen!

Wir schicken die Jungs voraus, wir sind bereits sicher, dass wir es nicht auf den Gipfel schaffen werden. Zu anstrengend und zu kitzelige Strecke für uns. Schließlich drehen wir um und laufen zurück zum Lager. Nur kurze Zeit später kommen auch Ginger und Velveeta zurück. Auch sie sind nicht viel weiter als wir gelaufen. Trimp schafft es tatsächlich als Einziger bis zum Gipfel (!), und stößt erst nachmittags wieder zu uns. Wir laufen noch ein paar Meilen, und schlagen unser Lager auf. Ich bin nicht enttäuscht vom missglückten Aufstieg. Bei so einen Schneejahr habe ich das von mir auch gar nicht erwartet, und die Strecke war auch so unglaublich schön! Wir verabschieden uns von Ginger, der etwas schneller laufen möchte um einen Tag eher in die Stadt zu kommen. Finde ich nicht so genial, wir sind doch als Team gestartet! Aber wir sind auch deutlich langsamer als er…
7. Tag
Wieder geht es um 5 los. Ich bin noch sehr müde, brauche dringend mehr Schlaf. Die Strecke ist wellig, ständig geht es steil Schneewehen hoch und runter. Ich habe mich schon etwas an die Höhe gewöhnt, keine Kopfschmerzen mehr. Aber auch absolut keinen Appetit. Zum Essen muss ich mich zwingen und habe immer weniger Energie beim Laufen. Aber ich denke, das wird noch. Hoffentlich. Heute sind 3 große Flüsse zu queren. Zwei durchwaten wir. Es dauert, eine sichere Stelle zu finden. Die Flüsse haben mit der Schneeschmelze sehr viel Wasser, das weiß wogend daher rauscht. Wir finden gute sichere Stellen, nur eiskalt ist das Wasser natürlich. Zum Glück habe ich extra Schuhe mit, dass ich meine Lederstiefel nicht dafür nutzen muss, die ich seit den Sierras statt Trailrunnern trage. Den dritten Fluss queren wir via Eisbrücke. Wir stehen ewig da, betrachten das dünne Stück Eis mit schäumenden Wasser darunter, und grübeln, ob das wirklich eine clevere Idee ist. Zum Glück kommt eine mutigere Gruppe Wanderer vorbei und spielt Testkaninchen für uns.

Danach schlagen wir schon bald das Lager auf, da wir nicht viel näher an den morgen anstehenden Pass heran kommen: Der berüchtigte Forester pass, mit 13100 feet die höchste Stelle des PCT!
8. Tag
Im Stockdunkeln geht es um 3.30 im Schein unserer Taschenlampen los. Meine ist nur noch eine traurige Funzel, ausversehen hatte sie einen ganzen Tag im Rucksack geleuchtet… Aber es ist relativ leicht, alten Fußspuren zu folgen. Es geht stetig sanft bergauf durch ein weites offenes Tal, in der Ferne sieht man schon die ersten Lichter den Pass erklimmen. Wir sind froh, erst um 5 Uhr mit Sonnenaufgang den Fuß den Berges zu erreichen, sodass beim ohnehin kitzeligen Anstieg wenigstens Tageslicht haben. Nun geht es in weiten von vorherigen Wanderern getretenen Serpentinen durch den noch vereisten Schnee den Hang hoch. Microspikes und iceaxe sichern uns, es ist steil, aber noch fühlen sich nur wenige Stellen etwas kribbelig an.

Trotzdem atmen wir auf, als wir die bereits schneefreie Passage der Serpentinen erreichen. Doch noch sind wir nicht oben: es gibt noch „DAS Stück“, das man aus den furchtbaren Fotos anderer Hiker kennt: Ein steiles Schneefeld, das denn Trail für ca 10 Meter überspannt. Links geht es fast senkrecht runter, Fallen ist hier keine Option.

Es bildet sich eine Warteschlange, da alle hier super langsam gehen. So kann man schon Mal in aller Ruhe das mehr oder weniger verkrampfte Vorwärtskriechen der anderen betrachten. Besonders ein Mädchen macht mich unglaublich nervös, wie sie da rüber kraxelt und immer wieder ein lautes verzweifelte Jammern ausstößt. Es tut mir ja leid, aber macht den Wartenden auch nicht gerade Mut. Ich bin auch wahrhaftig kein Fan großer Höhen. Nun verbiete ich mir strikt jeden Gedanken von wegen „kann ich das?“ Oder „was wenn… ?“. Schließlich bin ich an der Reihe. Ich schaue nur auf die Fußstapfen, die zum Glück schon getreten sind, und setzte stumpf einen Schritt vor den anderen. So komme ich unerwartet gut und flink rüber, ich kann es kaum glauben! Am Pass angekommen steigt eine richtige Party! Wir fühlen uns wie echte Helden, alle gratulieren einander, es werden hunderte Fotos gemacht.

Die Aussicht ist grandios, in alle Richtungen schroffe schneebedeckte Berge und Täler, unglaublich unglaublich schön. Insbesondere gewürzt mit dem Adrenalin, was uns noch in den Adern rauscht.

Der Abstieg ist zunächst sanft und einfach. Dann folgen zwei sehr steile Abschnitte gerade nach unten, die wir mehr auf den Hintern robbend als laufend bewältigen. Besonders mutige setzen sich einfach hin und rutschen, auf den vereisten Schnee wird man aber ganz schön schnell!

Nun laufen wir nur noch einige Meilen durch ein schönes Tal, das auch noch tief verschneit ist. Doch wir finden eine gute trockene Zeltstelle. Es ist erst 12 Uhr, doch weitergehen ist sinnlos. Es wartet ein neuer Anstieg auf uns, der falls schneebedeckt um diese Zeit nicht mehr zu schaffen ist. So gönnen wir uns nach diesen unglaublichen Abschnitt einen langen Mittagsschlaf.

9. Tag
Heute geht es direkt viel bergauf, aber größtenteils schneefrei, das ist so viel einfacher! Schon nach 1 Stunde kommen wir zu den Nebentrail, den wir nehmen müssen, um zur Stadt Bishop hitchen zu können. Wir folgen einem schneereichen eiskalten Tal mit vielen gefrorenen Seen. Wunderschön, wie für eine Postkarte…

Schließlich müssen wir Kearsage Pass erklimmen, anstrengend, da sehr steiler Aufstieg, aber nicht gefährlich. Runter geht es steil durch Schnee, der nun gegen 10 Uhr schon sehr weich wird. Das ist dumm, da man leicht ins Schlittern kommt. Aber auch gut, da sich manche Passagen auf den Hintern rutschend besser bewältigen lassen (das nennt man unter Hikern auch „glacading“, kostet etwas Überwindung, kann aber Spaß machen und ist oft viel schneller als laufen). An einen kleinen See sehe ich meinen ersten Bald Eagle kreisen, DEN amerikanischen Adler. Nun geht es noch eine Stunde bergab, endlich erreichen wir die Schneegrenze und sind schon bald am Parkplatz. Hier warten schon eine Menge Hiker auf einen hitch, jedem Tageswanderer wird regelrecht aufgelauert, und zuckersüß gefragt ob er noch Platz im Auto hat und nicht gerne einen unfassbarst stinkenden Hiker mitnehmen möchte… Nach nur einer Stunde ergattern wir ein Auto und sind schon bald in Bishop. Hier werden im Hostel bleiben, das schon proppenvoll mit PCT-Hikern ist.
8 Tage, 96 Meilen (1 Zero in Lonepine)
Super Bericht. Wow, was habe ich eine mutige und zähe Tochter. Aber Mann, bin ich froh, dieses Mal nicht dabei zu sein. Ich würde heute noch am Forrester Pass stehen und jammern, während Dreamwalker vor Frust schäumt.
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Hoi
Wir sind auch im 17 den PCT gewandert den halben und im 19 denn Ganzen.
Gefällt mir sehr deine Erlebnisse nachzulesen 🤗
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