Vytina – Anavryti

5. Tag

Die Nacht im Bett ist schön, einzig der surrende Kühlschrank stört etwas. Wir stehen trotzdem „wie immer“ um acht Uhr marschbereit. Nur beim Bäcker müssen wir natürlich nochmal unbedingt rein… Erst nach einer halben Stunde bergab aus den Ort heraus merken wir: falsche Richtung, alles nochmal zurück! Endlich stehen wir um halb 10 wieder auf dem E4 am Fuß des Berges, den es nun drei Stunden steil bergauf geht. Auch die vier anderen Wanderer treffen wir wieder, die wir in den letzten Tagen schon einige Male gesehen haben: Eine nette bunte Mischung Studenten aus Deutschland, Canada und der Karibik. Wir werden uns heute immer wieder begegnen, eine schöne Abwechslung. Doch auch der Weg ist sehr abwechslungsreich. Dichter Tannenwald erinnert an den Schwarzwald, und eine Vielfalt von Pilzen begeistert mich restlos!

Auf halber Höhe geraten wir unversehens mitten in eine Wildschwein-Treibjagd, es bellt und ruft, und knallt. Wir sehen zu, dass wir schnell aus der Gefahrenzone kommen, und sind ausnahmsweise dankbar für unsere in grellen Pinktönen gehaltene Damen Outdoor-Kleidung. Am Pass angekommen sind wir schweißgebadet. Inzwischen hängen die Berge in dichten Wolken, ein kühler Wind pfeift. Nach einer kurzen Pause geht es bergab, wir folgen teils der Straße, da der Pfad stellenweise kaum vorhanden ist. Leider macht sich nach längerem Asphalt mein rechtes Fußgelenk bemerkbar, mit dem ich am zweiten Tag umgeknickt bin. Zum Glück habe ich meine Riesenpackung Ibuprofen direkt am ersten Tag verloren…

Schwarzwald-Feeling in Griechenland

Erst gegen drei Uhr gibt es eine Mittagspause im Ort Kadaras. Eigentlich eher eine Ansammlung halb fertig gebauter Hotels, trostlos. Dann immer weiter bergab bis zur vielbefahrenen Hauptstraße, der wir ca 2.5 km folgen. Im Ort Kapsia tanken wir nur kurz Wasser, inzwischen haben wir einen guten Riecher für unbeobachtete Wasserhähne. Dann gehe es zwischen Hügeln durch eine wilde Schafweide-Landschaft. Wunderschön, aber es heißt aufpassen, da es größtenteils keinen Weg gibt und man nur verwachsenen Schafspfaden folgt. Wir finden eine traumhafte einsame Zeltstelle mitten zwischen den Hügeln. Bei einem kitschig roten Sonnenuntergang genießen wir glibberigen kalten Kartoffelbrei. -Und sind glücklich.

6. Tag

Nachts wird es nun immer kühl, sodass morgens das Zelt vom Tau klatschnass ist. Wir stapfen ca eine Stunde durch das verwilderte Tal, bis wir an einer kleinen Kapelle auf eine Schotterstraße stoßen. Hier können wir wunderbar frühstücken.

So schön ist das Hiker-Leben: Frühstück auf der Straße
Mitten durch Schafsweiden

Der Himmel ist endlich mal wieder wolkenlos, in der Sonne angenehm warm. Ganz schnell kommen wir an den kleinen Ort . Wie immer stürmen uns kläffende Köter entgegen, ein alter Mann steht auf einem Bein balancieren im Hof, angelt mit dem anderen nach seinem Gummistiefel, und gröhlt den Hund zurück. Rings herum gackern Hühner, ein Pferd latscht träge über den Hof. Wie aus dem Bilderbuch! Von hier folgen wir Straßen, leider häufig gesäumt von Müll, und erreichen nach nur 5 km Tripoli.

Tripoli

Was für ein Kontrast! Wuselnde Menschen, überall Autos, hohe Häuser, Geschäfte, Cafés… Und nur wenige Kilometer entfernt scheint die Zeit still zu stehen, wo Schäfer und deren Hunde zum täglichen Bild gehören. Wir kaufen Lebensmittel für die nächsten Tage und suchen uns ein Cafe, um das bunte Treiben aus sicherer Entfernung beobachten zu können. Aus Zufall landen wir in DEM Traditions-Cafe der Stadt. Drinnen sitzen nur alte Herren beim Kartenspiel, und glotzen unverhohlen, als ich mit staubigen Beinen, löchrigem Shirt und pinker Laufhose durch den langen, holzvertäfelten Raum zu den Toiletten husche. Vom Nachbartisch aus spricht uns eine Dame mit brüchigen Englisch an, von wo und nach wo es denn gehen würde. Sie kann es kaum glauben, dass wir die Peloponnes zu Fuß durchqueren! Und kurze Zeit später weiß auch jeder Opi im ganzen Laden Bescheid..

Geständnis: ca 18 km fahren von hier wir mit den Taxi, um uns Asphalt laufen zu ersparen. Ab dem Ort Psili Vrisi geht es wieder zu Fuß weiter. Feldwege, gesäumt von blühender Heide, überall Bienenkästen, Ziegenherden, Katzen, welche Idylle nach der Stadt!

Zunächst entspannt…
…dann durch ein Flussbett

Es läuft sich leicht. Bis der E4 in ein trockenes Flussbett übergeht, dem man ca 3 km folgt. Überwiegend leicht zu gehen, aber auch mit unwegsamen Abschnitten ist es doch insgesamt deutlich zeit- und kraftaufwändiger als „normal“. Schließlich folgt ein steiler Anstieg zum Dorf Ano Doliana. Wunderschön thronen die Häuschen über der weiten Ebene, der Blick reicht bis zurück nach Tripoli. Wir finden keinen Brunnen und machen notgedrungen in einer Taverne halt, um unsere Wasserflaschen auffüllen zu lassen. Und bestellen dann doch noch zwei Stückchen Kuchen. Plötzlich stehen noch Schnapsgläser auf den Tisch! Einer der zwei älteren Herren lässt es sich nicht nehmen, uns einzuladen! In solchen Momenten bedauern wir sehr die Sprachbarriere, und können nur immer wieder lächeln und uns unbeholfen bedanken. Weiter geht es steil den Berg hinauf. Es dämmert schon, als wir endlich eine Stelle für über Zelt mitten zwischen Kastanienbäumen finden.

7. Tag

Nachts wird es kalt, aber schließlich sind wir auch auf über 1200 Metern Höhe. Dafür werden wir mit einem wunderbaren Sonnenaufgang belohnt, der uns die erste Wegstunde die Berge in wunderschönen Herbsttönen anstrahlt.

Morgenstimmung

Leider folgt dann eine ganze Weile Asphalt. Am frühen Vormittag steigen wir ins sehr schöne Dorf Agios Petros ab, wo wir uns himmlische Blätterteig-Taschen aus der Bäckerei gönnen. Danach noch einmal steil hoch, und endlich der Wechsel auf Schotterstraße.

Begegnung mit einer Gottesanbeterin

Dieser folgen wir bis nachmittags durch recht langweilige Waldabschnitte, bis ins fast noch schönere Dorf Karies. Ab hier geht der E4 entlang Schotterstraßen durch „Niemandsland“. Die von Gestrüpp bedeckten Hügel ziehen sich scheinbar endlos, es ist heiß, und langweilig und die Füße schmerzen. Aber wir kommen flott voran und erreichen schon gegen 5 ihr nach ca 30km das Flusstal kurz vor dem Etappenziel Vrestina. Hier können wir gut unter Walnussbäumen zelten. Am Abend kommen uns noch ein paar Wildschweine besuchen. Es grunzt und raschelt wie irre. Ich suche mir schon einen geeigneten Flucht-Baum aus -doch der vermeintliche Rieseneber entpuppt sich als zwei knapp kniehohe Schweinchen…

8. Tag

Heute entsteht unversehens ein „Ruhetag“. Nach einer schweinelosen Nacht erreichen wir nach nur 1.5 km laufen den Ort Vrestina. Direkt neben der kolossalen Dorfkirche frühstücken wir, Müsli mit Wasser, welch Gaumenschmaus.

begeisterter Besuch beim Frühstück

Im Wanderbuch wird dringend davon abgeraten, die nächsten 9 km dem eigentlichen Trail des E4 zu folgen. Denn in Flusstal lässt ein Schafhirte nicht nur seine Herde alleine, sondern dazu auch seine Meute von 7 (!) pflichtbewussten Hunden. Diese sollen äußerst aggressiv auf Wanderer reagieren. Es wird empfohlen, stattdessen die Straße zu laufen. Nach weiteren 9 km auf Schotterstraßen käme man dann an die Fernverkehrsstraße nach Sparta, die auch zu Fuß nicht empfehlenswert sei. Wir überlegen hin und her, und entschließen uns schließlich wie empfohlen ein Taxi zu nehmen von Vrestina bis Mystra (direkt hinter Sparta).

Nach knapp 40 Minuten stehen wir in Mystra, am Rande des Taygetos Gebirges. Von Mystra aus geht es durch eine wunderbare Schlucht, ein beliebtes Touristenziel. Es ist angenehm kühl zwischen den steil aufragenden Wänden, wir folgen dem Weg stetig nach oben. Wieder gibt es tolle Höhlen und Stalagmiten zu bestaunen.

Danach sind es auch nur noch ein paar Kilometer weiter und wir erreichen das Dorf Anavryti. Beim Mittagessen am Dorfbrunnen studieren wir eingehendend die Karte. Wir sind unsicher, ob man im dem steilen und steinigen Terrain Zelten kann. Erst nach 12 km (1000 Höhenmeter) erreicht man eine Schutzhütte. Dafür benötigt man 5h, zu lange für den verbliebenen Nachmittag. So legen wir einen „Ruhetag“ ein, nach läppischen 12 km Laufen.

Anavryti: Blick auf Profitis Ilias, den höchsten Berg des Taygetos Gebirges


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