12. Skykomish – Skykomish – Snoqualmie

Nach zwei Tagen Pause bei Dinsmores Hiker Heaven wage ich mich wieder auf den Trail.

1. Tag

Die Wolken hängen tief, es geht stetig bergauf ins Skigebiet von Stevens Pass. Es läuft sich gut, jede Stunde klingelt mein Handywecker und erinnert mich daran, meinem Knie eine Pause zu gönnen. Ich komme an wunderbaren kleinen Bergseen vorbei, tiefblaues Wasser lockt zum Schwimmen. Doch die Mücken schwirren in dichten Schwärmen und ermuntern nicht dazu, mehr bloße Haut zu zeigen als unbedingt nötig.

Ich krieche langsam einen Pass hoch, als plötzlich ein älterer Herr vor mir steht. In Lumpen gekleidet, einen gigantösen Beutel über der Schulter und einen mikroskopischen Hund vor den Füßen. Fragt, ob ich nach Mexiko laufe und ich ihm einen Gefallen tun würde. Ähm, klar?! Er zieht eine kleine Phiole aus der Tasche, bittet mich diese zu verstreuen. Ich frage skeptisch, was es ist. Es sei die Asche seines Kindes, bei den Worten stockt seine Stimme. Ich bin völlig überrumpelt, verspreche einen besonderen Ort zu finden. Der Mann hat es plötzlich sehr eilig, es scheint er will weitere Fragen vermeiden, und ist schon um die nächste Ecke verschwunden.

Nie habe ich traurigere Augen gesehen! Ich wünsche, ich hätte ihn noch ein paar freundliche Worte mit auf den Weg geben können. Ich verstaue die Phiole in meiner Tasche und beschließe, sollte ich es bis zu meinem Endpunkt Mt Whitney schaffen, dann werde ich die Asche von dort aus verstreuen. Was für eine seltsame Begegnung… Doch sie berührt mich tief und beschäftigt meine Gedanken den Rest des Tages. Auch stellt sie meine Probleme in ein ganz neues Licht, was habe ich gejammert und in Selbstmitleid gebadet wegen meines Knies. Was für eine Kleinigkeit im Vergleich zu so vielen Dingen! Ich beschließe, dankbarer zu sein für jeden Moment, den ich auf den Trail verbringen darf.

Nach 15 Meilen komme ich an meinen anvisierten Zeltplatz an. Ich bin fit, mein Knie ist OK, aber ich zwinge mich bei meinen geplanten kurzen Etappen zu bleiben.

2. Tag

Ich wache zu sanften Nieselregen auf, packe meine Sachen und marschiere los. Mein Knie meldet sich, ich bin nun froh, gestern nicht weiter gelaufen zu sein. Auch heute steht einiges auf und ab an. Es regnet immer mehr, bis es schließlich in Strömen gießt, das bei molligen 10 Grad.

Mein Knie schmerzt immer mehr, Pausieren ist in dem Wetter nur kurz möglich. Nach nur 10 Meilen geht es dann ganz schnell, plötzlich kann ich kaum noch auftreten, mein Knie ist völlig steif und tut höllisch weh. Ich bin tief enttäuscht, sitze heulend, völlig durchweicht und verfrohren unter einem Baum und weiß nicht weiter. Nur eins ist klar, heute macht Weiterlaufen keinen Sinn mehr. Hier gibt zwar eine Zeltstelle, aber kein Wasser, und ich habe keinen Tropfen mehr übrig. Schlage schließlich trotzdem mein Lager auf. Eine wahre Sturmflut prasselt auf mich herab, so kann ich zumindest Trinkwasser sammeln, das von meinem Zelt runterläuft.

Wie soll es weitergehen? Schon wieder stehe ich vor der Entscheidung, weiter oder zurück. Ich habe einfach keine Kraft mehr, wieder und wieder umkehren und aufgeben zu müssen. Ich beschließe, meinem Knie eine letzte, allerletzte Chance zu geben: Ich werde zurücklaufen (auf der Karte habe ich eine Abkürzung entdeckt), nochmal ein paar Tage ausruhen, und dann einen letzten Versuch wagen. Wenn das nicht klappt, dann war’s das.

3. Tag

Immer noch regnet es und ist scheußlich kalt. Es kostet viel Überwindung, aus den warmen Schlafsack in die nassen Klamotten zu schlüpfen und mich auf den Weg zurück zu machen. Ich bin tief deprimiert. Ich versuche mich an die Begegnung und meinen Vorsatz vom Vortag zu erinnern, aber in der jetzigen Situation dankbar zu sein, fällt schwer. Schließlich stoppt der Regen, ich biege auf die Abkürzung ab. Der Pfad ist überwachsen und sumpfig, ich folge dem Fluss Deception Creek Richtung Highway. Das Tal ist schön, wild, und einsamer als der PCT.

Das Laufen fordert meine ganze Aufmerksamkeit, sodass meine Gedanken endlich etwas zur Ruhe kommen. Mein Knie tut kaum weh -aber ich schlucke auch vorsorglich fleißig Ibuprofen. Am späten Nachmittag stehe ich wieder am Highway und hitche zurück zu Dinsmores.

Als ich emotional ziemlich erledigt beim Hiker Heaven ankomme, wartet eine unglaublich Überraschung auf mich: Eine Hikerin ist Physiotherapeutin! Sie kümmert sich sofort um mein Knie, zeigt mir Dehn- und Muskelübungen, erklärt wann ich Pausieren soll, und ermuntert mich weiter reichlich Ibuprofen zu nehmen, um die Entzündung zu hemmen. Auch ermuntert sie mich, nicht aufzugeben. Ich bin unendlich dankbar!! Als sie am nächsten Tag weiterläuft, kommt meine zweite Rettung: Dock ist Hiker und ein US-Army Veteran, der in der Krankenversorgung gearbeitet hat. Er kennt sich auch gut mit Knie und Muskelproblemen aus und gibt mir, und jedem anderen der sich traut, täglich eine Beinmassage. Dabei geht man zwar fast an die Decke, aber es hilft!

Docks magic massage

Nach 4 Tagen ist die Entzündung abgeheilt, mein Knie ist nicht mehr warm. Mit reichlich Bauchkribbeln beschließe ich, meinen letzten Versuch zu wagen.

1. Tag

Ich verabschiede mich von Dock und King Luey vom Hiker Haven und hitche zurück zum Trail. Eigentlich wollte ich nochmal mit zu Hause skypen, aber ich habe das Gefühl ich muss sofort los, sonst traue ich mich gar nicht mehr. Oder noch schlimmer, jemand vernünftigeres könnte mir sagen wie dumm ich bin, „schon“ loszustiefeln. Wieder laufe ich die Abkürzung über den Deception Creek Trail zurück zum PCT.

Es geht viel viel bergauf, meinem Knie ist das nur Recht. Das Wetter ist gut, die Mücken reichlich. Es fällt schwer, in den Schwärmen stechwütiger Insekten meine stündliche Pause einzuhalten. Auch halte ich mich wieder an mein Maximum von 15 Meilen, und komme so schon am frühen Nachmittag am Zeltplatz an. Das Knie war OK, nur die letzten Meilen etwas knarzig – ich bete, dass ich nicht wieder Mal zu früh gestartet bin!

2. Tag

Ich laufe bei Nieselnebel los. Es geht bergauf bis auf den Cathedral Pass, dann in die endlosen Serpentinen runter zum Deep Lake. Mein Knie tut inzwischen gut weh, die Zweifel wachsen. Aber diesmal gibt es kein Zurück, ich mache brav Pausen und Dehnübungen, schlucke mein Ibuprofen, und laufe weiter. Der Wald ist sehr schön, besonders als irgendwann die Sonne herauskommt. Ab mittags laufe ich durch ein Meer von Huckleberry Büschen. Da ich ja eh nicht weit laufe, nehme ich mir viel Zeit massig Beeren zu vertilgen, so lecker!

Nach einer langen Mittagspause geht es meinen Knie wieder gut. Ich biege nun auf die „Goldmyer Alternativroute“ ab: Die ist nicht nur 10 Meilen kürzer als der PCT, sondern führt auch an heißen Quellen vorbei! Schon allein aus medizinischen Gründen für mich ein Muss. 😁 Es geht wieder viel bergauf, mit wunderbaren Blicken zurück ins Waptus Tal. Endlich oben angekommen finde ich einen schönen Zeltplatz direkt am See Lake Ivanhoe.

Mit mir zeltet noch eine Gruppe, die ich bei Dinsmores kennengelernt habe: JoeDirt und Oats (USA), Emile und Fred (Montreal), Jukebox und Shaker (Dt). Ihre Lauftage sind nicht länger als meine, sie verbringen gerne den nachmittag am Lager und Spielen Karten. Also vorerst die perfekte Gruppe für mich! Ich hoffe sehr, mein Knie bleibt so gut wie es heute Nachmittag war, ich schöpfe vorsichtig wieder Hoffnung…

Oats, JoeDirt, Shaker, Emile, Dreamwalker, Jukebox

3. Tag

Gegen 6 Uhr laufe ich los. Gerade rechtzeitig, um den See in schönster Morgenstimmung vom Pass aus zu sehen.

Ich bin ich Jubelstimmung: meinen Knie geht es super und die Strecke ist wunderschön. Entlang eines kleinen Flusses mit vielen Wasserfällen geht es durch dichten Regenwald einen Blumen bedeckten Pfad entlang ins Tal herab.

Dort beginnt die Misere. Der Weg ist völlig zugewuchert, ich drücke mich durch schulterhohes Gestrüpp und werde klatschnass. Auch beginnt wie immer mein Knie nach nun 8 Meilen plötzlich heftig an zu schmerzen. Die altbekannte Methode (Pause, Dehnen, Ibuprofen) hilft sehr gut, nach einer Stunde bin ich wieder lauffähig. An den heißen Quellen wartet auf uns (die Gruppe ist inzwischen auch da) eine Enttäuschung: Die täglich 20 verfügbaren Plätze sind auf Monate im Voraus ausgebucht! Wir laufen also weiter und strecken unsere Füße stattdessen in einen eisigen Bach. Am Lager spielen wir Karten und vertilgen Unmengen überschüssiges Essen.

4. Tag

Ich marschiere wieder als erste los. Über zwei Stunden geht es nur bergauf. Der Trail ist schwierig, viel überwachsen, dazu Geröllhalden und quer liegende Bäume.

Blick zurück ins Tal

Zum Ausgleich gibt es wieder jede Menge Beeren zu pflücken! Oben auf dem Pass liegt der wunderschöne Snow Lake. Hier verbringe ich eine Stunde, frühstücke endlich und genieße die Aussicht.

Beim Abstieg Richtung Snoqualmie kommen mir wahre Ströme von Tagestouristen entgegen, unglaublich! Da bin ich froh, dass ich so früh oben war und den See alleine genießen konnte. Mittags komme ich in Snoqualmie an und beziehe Quartier in der Hütte des Washington Alpine Club.

Fazit: Ich habe also endlich Mal wieder eine Etappe geschafft! Zwar nur lächerliche 55 Meilen in 4 Tagen, aber immerhin… Mein Knie ist zwar noch nicht völlig ok, aber definitiv lauffähig. Also geht es vorerst weiter Richtung Süden! So froh…


Ein Gedanke zu “12. Skykomish – Skykomish – Snoqualmie

  1. Beeindruckender Bericht, nicht nur wegen der wunderbaren Landschaft,und deiner Erlebnisse auf dem Trail, sondern vor allem auch wegen deines Durchhaltewillens und Mut. Bin echt stolz auf dich, Dreamwalker. Und hätte dir gerne zur Seite gestanden, You are a strong hiker, dein Speedy

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