1. Tag
Schon früh morgens hitche ich zurück zum Trail. Ich starte ab Rainy Pass. Damit überspringe ich zu meiner Schande 20 Meilen. Aber somit habe ich bis zum nächsten Ort Stehekin nur 19 Meilen zu laufen, 1 Tag. Sollte mein Knie also wieder wehtun, muss ich es nicht zu lange überanstrengen.
Ich laufe durch dichten Wald, stetig bergab. Ideales Bärengebiet, wie auf dem CDT jodele ich also regelmäßig fleißig. Alleine fühle ich mich dabei aber wie der letzte Idiot.


Mein Knie ist ganz gut, ich genieße das Laufen. Bis zum Mittagessen. Ab 15 Meilen fühle ich das dumme Stück immer mehr, aber die paar übrigen Meilen ziehe ich durch. Ich schaffe es pünktlich zum Shuttle, der mich gerade noch rechtzeitig zum Postoffice ins winzige Kaff Stehekin bringt.

Ich schnappe mein Essenspaket und nehme direkt den nächsten Shuttle zurück zum Trail. Hier schlage ich mein Zelt auf.
2. Tag
Früh am Morgen habe ich direkt eine spannende Begegnung: Direkt neben dem Trail hockt ein karamellfarbener Schwarzbär (ja, das gibts!) im Gestrüpp und frühstückt Beeren! Wir beide erschrecken ziemlich, der Bär hüpft einige Meter im Eilschritt, dann trottet er ganz gemächlich den Hang hoch. Hier im North Cascades National Park sind die Tiere an Menschen gewöhnt. Im Kontrast zu gestern soll es heute 20 Meilen sanft bergauf gehen.

-Doch so weit komme ich nicht. Schon nach 1 Stunde macht sich mein verdrehtes Knie deutlich bemerkbar. Ich laufe zunächst weiter, aber grübelte hin und her, ob ich nicht besser klüger sein sollte als die letzten Male, und umdrehe bevor es richtig übel ist. Da kommt mir ein mir bekannter Hiker entgegen. Er hat Knieschmerzen und ist nach 14 Meilen umgedreht. Das ist für mich DER Wink mit dem Zaunpfahl: Ziemlich geknickt laufe ich zurück und bin schon bald wieder via Shuttle in Stehekin. Die Strecke zwischen Stehekin und dem nächsten Ort Skykomish ist 110 Meilen lang. Daher schwöre ich mir, nun aber wirklich solange hier zu bleiben, bis ich mich wieder richtig auf mein Knie verlassen kann.
… Und das ist gar nicht so einfach. Stehekin ist zwar schön, aber viel gibt es hier nicht zu tun. Der „Ort“ liegt am See Lake Chelan und ist nur mit einer Fähre zu erreichen -oder zu Fuß. Hier leben 80 Leute permanent, im Sommer kommen dazu jede Menge Touristen zum Wandern, Klettern, Reiten, Kanufahren etc.


Ich bin froh, am Vortag umgekehrt zu haben! Denn am nächsten Tag schaffe ich es morgens kaum den Hügel vom Zeltplatz bis zum Klohaus runter . Ich kühle, dehne, und ruhe mein Knie, und hoffe jeden Tag aufs Neue auf eine wundersame Heilung. Die lässt leider ziemlich auf sich warten. Jeden Tag kommen und gehen neue Hiker, ich bin unendlich neidisch. Zum Glück treffe ich Alex wieder. Auch er hat sich das Knie verknackst, zu zweit ist das Rumhängen etwas weniger deprimierend. Dann stößt Markus aus Norwegen zum Krüppelklub dazu, er hat eine entzündete Achillessehne. Leider habe ich kein WiFi hier und kann meine arme Familie nicht informieren. Sie sehen nur, das sich mein Spot eine Ewigkeit nicht weiterbewegt…

Nach 5 Tagen zeigt sich endlich langsam Besserung, am 7. Tag nehme ich den Shuttle zurück zum Trail! Auch Alex und Markus laufen wieder los.
1. Tag
Trotz sanften Dauerregen bin ich so glücklich, endlich endlich wieder draußen zu sein!! Der Krüppelklub startet gemeinsam, wir laufen extra langsam und am ersten Tag wirklich nur 5 Meilen, es läuft sehr gut!

2. Tag
Ich schlafe schlecht, die ganze Nacht höre ich eine Maus herum kruschpeln – am nächsten Morgen entdecke ich das Loch, sie hat auch durch mein schönes Zelt geknabbert… Heute laufen wir 10 Meilen. Die Strecke ist schön, immer noch geht es stetig sanft bergauf. Mein Knie ist OK, erst die letzten zwei Meilen knarrt es etwas. Abends umschwärmen uns die Mücken am Zeltplatz. Es bleibt uns leider gar nichts anderes übrig, als ein schönes Lagerfeuer zu machen. 😄

3. Tag
In der Nacht hören wir ein heftiges Rumpeln, ein Erdbeben, wie wir später rausfinden! Am Morgen verlassen wir endlich den Wald und kommen auf alpine Wiesen und Geröllfelder, es gibt wunderbare Aussichten auf die schroffen Berggipfel der North Cascades Range.

Mein Knie meldet sich wieder deutlich. Dazu kommt nun 8 Meilen bergab, wunderbarer lichter Wald, Flechten behangene Bäume, mit vielen Bächen und Wasserfällen.

Die letzten Meilen heute krieche ich vor mich hin. Ich bin so enttäuscht, bergab ist einfach tödlich für mein Knie, so ein Mist! Wie soll ich den Rest der Strecke (80 Meilen) schaffen, wenn es täglich schlechter geht, und die Strecke immer anspruchsvoller wird, mit noch längeren und steileren Steigungen??
4. Tag
Nach 2 Meilen komme ich zum Suiattle River und der Abzweigung eines Nebenweges, der letzte „Notausstieg“. Ich will keinesfalls den Rest der Etappe verpassen, aber einfach weiterlaufen erscheint mir auch wenig klug. Schließlich die geniale Idee, ich werde noch einen Mini-Flip einlegen: hier rauslaufen und den Trail verlassen, zur nächsten Trailstadt Skykomish hitchen, paar Tage ruhen, und dann Richtung Norden zurück zum Suiattle River laufen. So gönne ich meinen Knie eine Pause ohne etwas auslassen zu müssen. 3 Stunden später stehe ich am Parkplatz, und bekomme überraschenderweise schon kurz darauf eine Mitfahrgelegenheit. Was mir nicht bewusst war: Schon alleine die Schotterstraße Zwischen Higway und Trail ist über 20 Meilen lang und führt in eine für mich ungünstige Richtung. Insgesamt brauche ich über 6 Stunden und 5 Mitfahrgelegenheiten, um nach Skykomish zu kommen!
Hier schlage ich bei den Dinsmores auf, den berühmten Trailangeln, die ihre Garage in eine geniale Hikerunterkunft umgebaut haben.

Ich bleibe 2 volle Tage, und bete dass es ausreicht, um mein Knie endgültig zu kurieren. Ich will endlich wieder wandern, ohne mir Gedanken zu machen!