Sunny, Mellow und ich hitchen nach Mazama, wo wir in der Hiker Hütte „Ravensong’s Roost“ übernachten. Ravensong war die erste weibliche Thru-hikerin auf dem PCT! Nun ist sie Trailangel und stellt die Hütte für alle PCT-Hiker zur Verfügung. Wir wollten eigentlich noch das für den Folgetag angekündigte schlechte Wetter aussitzen, aber es juckt uns nach über 2 wanderfreien Wochen nun in den Füßen und wir brechen am nächsten Morgen schon auf.


1. Tag
Wir hitchen zu Harts Pass, schon die Schotterstraße hierher ist berühmt und ein Abenteuer für sich! Eng windet sich die von Schlaglöchern übersähte Straße den Berg hoch, links geht es bei Deadhorse Point senkrecht in die Tiefe. Endlich stehen wir wieder am PCT! Erstmal müssen wir 30 Meilen nach Norden laufen, um die amerikanisch-kanadische Grenze ab zu klatschen. Sunny jucken die Füße wohl besonders heftig, schon nach wenigen Minuten verliere ich sie aus den Augen. Der Pfad geht stetig bergauf, ringsum steile Berge, in den Tälern Nadelwald, auf halber Höhe Blumenwiesen, die Spitzen felsig und teilweise noch in Schnee gehüllt. Eine ganz andere Landschaft als die Sierras, aber auch wunderschön! Es ist kühl und bewölkt, aber noch trocken.

Ich komme schnell voran, freue mich unglaublich, wieder zu laufen. Da hier alle nach Norden UND wieder zurück laufen, ist hier ziemlich viel los. Auch sehe ich einige northbounder wieder, die ich in den letzten Monaten kennengelernt habe und die auch „geflipped“ sind. Ich kann es kaum fassen, als mir plötzlich eine altbekannte Wanderfreundin gegenübersteht: NoDay, die ich letztes Jahr auf den CDT kennengelernt habe! Ich freue mich riesig… Sie läuft allerdings nur ein kleines Stück mit einer Freundin mit, die dieses Jahr den PCT läuft. Mittags fängt es dann doch an zu Regnen. Zunächst Schauer, dann gießt es schließlich in Strömen und gewittert heftig. Als ich um 5 Uhr mein Zelt aufschlage bin ich völlig durchweicht und verfroren. Willkommen in Washington! Im Zelt erwartet mich eine böse Überraschung: Meine Luftmatratze hat ein Loch! Mit dem Reparaturset flicke ich es notdürftig, aber die Isomatte ist feucht und der Flicken klebt absolut ganz und gar nicht. Zum Glück kann ich mir von Sunny, die zwei Zelte weitersitzt, Alleskleber borgen. Der explodiert mit erstmal über meine Hose und Hände -und der Flicken sitzt nun bombenfest. Leider entdecke ich daraufhin 2 weitere Löcher. Wo kommen die alle plötzlich her?? Der Kleber ist nun alle, mir bleibt nichts anderes übrig als auf der schlaffen Isomatte zu schlafen, eine kalte harte Nacht.
2. Tag
Der Himmel ist verhangen, aber es ist trocken. Zum Glück, denn auch so kostet es schon viel Überwindung, in die nassen Schuhe, Socken, Jacke und Hose zu schlüpfen, kalt! Es geht auf Woody’s Pass hoch, unter mir ein kleiner See. Es sind sogar noch zwei kleine Schneefelder zu queren, aber für mich nach einer Woche Sierras nun kein Problem mehr. Schließlich geht es eine Ewigkeit bergab bis zur kanadischen Grenze. Hier sehe ich die erste Bärenkacke auf dem Trail, und zwar gleich in rauen Mengen! Der Weg ist verwachsen und es liegen einige Bäume quer, eine mühsame Kletterei, bei der ich mir schön das Knie verdrehe… Zur Abwechslung das linke Knie, was sonst ja keine Probleme macht. Endlich an der kanadischen Grenze angekommen werden natürlich jede Menge Fotos gemacht. Den Moment hatte ich mir anders vorgestellt, als krönenden Abschluss meiner Reise. Nun markiert das Monument den Neubeginn der Wanderung Richtung Süden.

Auf dem Rückweg fängt es an zu regnen, schließlich fällt dichter Schnee. Mir ist furchtbar kalt, zum Glück kommt nachmittags doch nochmal kurz die Sonne raus. Die Nacht verbringe ich wieder auf der schlaffen Isomatte.
3. Tag
Die Sonne scheint! Ich kann es kaum glauben, endlich kann ich die Landschaft richtig genießen.

Leider macht sich nun immer deutlicher mein verdrehtes Knie bemerkbar. Das kann doch nicht wahr sein, ich will einfach in Frieden laufen! Schließlich greife ich zu Ibuprofen, um die letzten Meilen zurück zum Parkplatz zu schaffen. Wieder fängt es an zu regnen, wie kann es auch anders sein. Zum Glück wartet am Parkplatz BrokenToe, ein Trailangel und ehemaliger PCT-HIKER, mit einem warmen Lagerfeuer und Tee!

Statt wie geplant 3 Tage weiter zu laufen, hitche ich notgedrungen vom Pass zurück nach Mazama. Hier kann ich mein Knie kühlen und Reste alter Isomatten zusammen sammeln, sodass ich nicht mehr kalt und hart schlafen muss.
4. Tag
Morgens fühlt sich mein Knie OK an, ich hitche zurück zu Harts Pass. Die Sonne scheint, und die Strecke ist phänomenal! Berge soweit das Auge reicht und tief eingeschnittene Täler dazwischen.


Doch mein Knie knirscht immer mehr. Was ich zunächst gekonnt ignoriere und mir sage, es wird schon gehen, mit vielen Pausen und kurzen Tagen. Es geht nicht. Nach 7 Meilen geht es steil bergab, nach kurzer Zeit kann ich kaum noch gehen. Auch eine lange Pause und kühlen mit Schnee hilft nicht.

Bis zur nächsten Straße wären es noch über 20 Meilen, in diesen Zustand unmöglich und plötzliche Besserung unter mehr Belastung wahrlich unwahrscheinlich. Wieder (!) bleibt mir nichts anderes übrig, als umzudrehen.
Ich bin am Verzweifeln, warum habe ich nicht zumindest einen Tag Pause eingelegt?? -Weil ich endlich wieder laufen will, endlich voran kommen. Auch drängt langsam die Zeit. Will ich bis Wintereinbruch Anfang September die Sierras gequert haben, so wären bereits jetzt ein Tagesdurchschnitt von 25 Meilen nötig. Ich bin unglaublich wütend, auf all diese Verzögerungen und Hürden in den letzten Wochen, auf mich und meinen Sturkopf, und vor allem auf den dummen Baumstamm. Ich schaffe noch ein paar Meilen zurück und baue gerade noch das Zelt auf, bevor es mal wieder anfängt zu schütten, hageln und donnern. So ein verdammter Mist.
5. Tag
Morgens fühlt sich mein Knie gut an, aber das war gestern ja nicht anders. Schweren Herzens laufe ich also zurück nach Harts Pass und hitche zurück nach Mazama. Hier bleibe ich zwei Nächte, kühle mein Knie und gammele pflichtbewusst auf dem Sofa rum. Zum Glück gibt es jede Menge Bücher zum Zeit vertreiben -und andere Hiker. Es ist lustig, nun auf die Southbounder zu treffen, für die die große Reise nun erst losgeht. Sie sind wie Küken, sehen noch so verängstigt und sauber aus…